Vorgeschichte eines Theaterstücks
Im Gemeindeamt von St. Martin am Semmering fällt Leo Wallners Blick zufällig auf einen Prospekt mit der Aufschrift Stars of the Stage. Er steckt den Prospekt ein und studiert ihn zu Hause. Der Prospekt enthält Fotos von bekannten und unbekannten Stars aus der Welt des Films und des Theaters. Darunter stehen kurze Lebensläufe, die berühmtesten Rollen und Auftritte der Stars und der Preis ihrer Anmietung. Für Leo sind die Preise astronomisch, doch je weiter er nach hinten blättert, desto niedriger werden sie. Das absolut billigste Angebot findet sich zum Schluss: Die Operettensängerin Ruth Maria Lippe kostet für einen Hausbesuch mit Gesangsauftritt 299 Euro. Das ist für Leo noch immer eine Menge Geld, aber er überlegt; die Sängerin ist sicher nicht mehr die Jüngste, doch auf dem Foto sieht sie noch sehr attraktiv aus. Wenn er diese Frau für den Silvesterabend mietet, sie am Bahnhof von St. Martin abholt, mit ihr in das an diesem Abend überfüllte Lokal Zum fröhlichen Schifahrer geht, die beiden also von aller Welt gesehen werden, er der Frau vielleicht demonstrativ einen Kuss gibt, oder gar sie ihm, dann könnte er etwas gegen das nicht verstummende Gerede vom schwulen Maurer Leo Wallner ausrichten. Anschließend würde er ihr die 299 Euro dezent in einem Kuvert überreichen und sich von ihr in aller Form verabschieden.
Leo überlegt sich diese Idee mehrere Tage und ruft schließlich in der Wiener Agentur an. Er wird höflich nach seiner Adresse und seiner Telefonnummer gefragt und danach, wann er den Besuch des Stars wünsche, Datum und Uhrzeit, und schließlich ebenso höflich aufgefordert, den Betrag plus Mehrwertsteuer und Bearbeitungsgebühr vorab auf das angegebene Konto zu überweisen.
Unmittelbar nachdem er aufgelegt hat, bereut er sein Tun. Und ebenso plötzlich fällt ihm ein, dass vor einigen Tagen eine Pastoralhelferin der Gemeinde einen Flugzettel unter seine Kellertür geschoben hat. Auf diesem Zettel war von der Aktion eines Caritas-Heims die Rede, unter dem Titel Familienanschluss für Teiltalentierte. Er hatte sich unter diesem Satz nichts Rechtes vorstellen können, aber jetzt, kurz nach dem Telefonat mit der Wiener Agentur, nimmt er ihn wieder zur Hand. Auf diesem Flugzettel ist davon die Rede, dass viele Zöglinge der Caritas-Heime, auch junge, keine Familie hätten und sich über einen Familienanschluss zu Weihnachten oder zu Silvester sehr freuen würden. Sie hätten die eine oder andere kleine Behinderung, aber das Zusammensein mit ihnen habe durchaus etwas Beglückendes. Alles sei kostenlos, der Besucher würde ins Haus gebracht und nach ein, zwei Tagen wieder abgeholt werden. Leo beschließt, bei der Wiener Agentur abzusagen und einen Jungen aus dem Caritas-Heim für Silvester einzuladen…
Peter Turrini
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