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  Schauspiel   von Julien Green    Deutsch von Irène Kuhn 
  SÜDEN
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 Auf der Plantage der einsamen Seelen
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 Der >schwarze Prophet< kündigt Gottes Zorn an
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 Aristokratische Seelenjuckreize

Fotos © 2012 Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer























Icon der Website der Kleinen Zeitung . Klick = Icon der Website der Kleinen Zeitung . Klick = www.kleinezeitung.at Uschi Loigge, Kleine Zeitung

Auf der Plantage der einsamen Seelen
Wenn die Menschen einander unerreichbar nahe sind: Das Stadttheater Klagenfurt lädt zu einer ebenso stimmungsvollen wie zeitlosen Reise in den "Süden" von Julien Green.

Es ist als würde man mit Scarlett O'Hara durch die Allee auf Tara zureiten. Immer näher rückt das schon angegraute Herrenhaus, schon steht man - zurückgebeamt ins 19. Jahrhundert - im Salon hinter Leutnant Jan Wiczewski und fixiert seinen akkuraten Uniformrücken. Der Hausherr im sommerweißen Anzug, die schwärmende Jugend, die stets leicht verdrossene Tante - so eine Gesellschaft könnte auch in Tschechows Gartenlaube sitzen. Nur dass dort keine Schwarzen servieren.

In "Süden" (UA 1953 in Paris) kehrt Julien Green für einen Tag, den 11. April 1861, in die amerikanische Heimat seiner Eltern zurück, verankert die Tragödie raffiniert in seiner persönlichen Zerrissenheit zwischen Religiosität und Homosexualität.

Auf der Plantage des Witwers Edward Brockerick lebt neben seinen beiden Kindern und seiner Schwester eine arme Verwandte aus dem Norden. Besagter Leutnant ist für einige Tage auf Besuch. Man redet. Über das Gespenst des Krieges. Über Ängste und Träume. Etwa, dass man einen Liebesbrief am ganzen Körper spüren möchte; oder wie sich die Erde im Dezember anfühlt. Nicht über die wahren Gefühle. Aber viel über Gott. Darüber, dass Gott schweigt. Und über die Liebe. Letztere ist zu jener Zeit eine "unaussprechliche". Wiczewski trifft sie wie ein Bannstrahl: Er erstarrt im Auftritt durch die Terrassentür beim Anblick des jungen Eric Mac Clure.

Mit diesem Bild schickt die Regisseurin Sibylle Broll-Pape die Besucher in die Pause, mit diesem Bild holt sie sie wieder zurück. Sie belässt Greens vielschichtiges Drama ganz in seiner Zeit, bettet es in das üppige Ambiente von Rainer Sinell (Bühne und Kostüme) und lässt den Abend zwischen Trägheit und Aufbegehren schwingen.

Das geht gut. Sehr gut sogar, bis auf wenige Längen im zweiten Teil. Und Broll-Pape hat ein großartiges Ensemble, das in Blicken und Gesten eine Nähe erzeugt, die den Figuren in den Dialogen stets entgleitet, und das mit der Illusion einer undefinierbaren Bedrohung den Spannungsbogen hält. "Es wäre fast eine Erleichterung, eine Kanone schießen zu hören", meint Broderick, ohne zu ahnen, dass die Katastrophe für ihn eine andere sein wird. Joseph Lorenz gibt dem Plantagenbesitzer, der seine Schwarzen nicht schlägt, eine sanfte Energie, die sich zu echter Verzweiflung auswächst, als er über dem toten Leutnant zusammenbricht.

Als Jan Wiczewski vermag Roman Schmelzer zu berühren und zu erschrecken, was ihm auch bei der impulsiven Angelina (Sophie Aujesky) und der distanzierten Regine (Isabella Szendzielorz wirkt wie heißes Eis) gelingt. Kein Wunder auch, dass Brodericks Sohn Jimmy (Jan Nikolaus Cerha) an seinen Lippen hängt. Als forschen Jungspund legt Emanuel Fellmer den Eric Mac Clure an.

Fein gearbeitete Charakterstudien liefern Cornelia Köndgen als Brodericks Schwester Evelina Strong (!) und Heiner Stadelmann als Erzieher Mr. White, wie ein Fremdkörper wirkt hingegen das "Orakel" Uncle John (Adolphos Sowah).

Alles in allem: ein Abend wie großes Kino. In Bild und Ton.

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Icon der Website der Kärntner Tageszeitung . Klick = www.ktz.at Bertram Karl Steiner, Kärntner Tageszeitung

Der >schwarze Prophet<
kündigt Gottes Zorn an

Ein atemberaubender, aufwühlender Premierenabend am Stadttheater: >Süden< von Julien Green geriet in der Regie von Sibylle Broll-Pape zu einer Seelenanalyse des großen Dichters.

Klagenfurt Religion ist keine Wellnessoase; vielmehr ist es >schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen<. Julien Greens lebenslanges persönliches Psychodrama zwischen seinem strengen katholischen Glauben und den irresistiblen Versuchungen des Fleisches verdichtet sich in seinem >Süden< zu einer schonungslosen öffentlichen Beichte. Wenn es um sein Seelenheil geht, schert sich Green keinen Augenblick darum, ob diese Beichte >zeitgemäß< ist. Es ist der Regisseurin Sibylle Broll-Pape gar nicht hoch genug anzurechnen, dass sie Green hier unbedingt und bis ins Detail ernst nimmt; sie unterlässt es, das theologische Drama >neu zu erzählen<, Green und seine endzeitlichen Ängste genügen ihr. Und seine Nostalgie nach einem irdischen Haus im Stil einer Südstaaten-Villa. Rainer Sinell, der eine solche eins zu eins auf die Bühne stellt, muss Greens Pläne für >sein< Haus in Klagenfurt gekannt haben, wo er demütig darauf warten wollte, ob Gottes Zorn ihn verschonen würde. Dergleichen Ernsthaftigkeiten sind freilich einer vom Glamour des Regietheaters auf allen Ebenen verblendeten Generation ebenso fremd geworden, wie das Christentum als solches.

Wenn der an seiner homoerotischen Leidenschaft verzweifelte, aber auch latent sadistische Leutnant Wiczewski (Roman Schmelzer) in der vom unmittelbar bevorstehenden Sezessionskrieg verängstigten Familie Broderick Unheil sät, offenbart er sich als >Durcheinanderwerfer<, als >Diabolos< im theologischen Sinne und gleichzeitig als Alter Ego Greens, während dem von ihm rasend begehrten Erik Mac Clure (Emanuel Fellmer) in diesem Endspiel die Rolle des Racheengels zugedacht ist, der Wiczewski im Duell tötet. Eric ist übrigens der Name des geliebten Adoptivsohnes Greens ... Die Apokalypse hat ihren Propheten. Hier ist es der Schwarze Uncle John (Adolphos Sowah), er verkündet, dass >Gottes Zorn< das Haus Broderick - und damit die sorg- und gedankenlos dahinlebende Menschheit treffen würde; die Studien der Evelina Strong (Cornelia Köndgen) und der Regina (Isabella Szendzielorz) sind schmerzhafte Vivisektionen an gequälten Menschenseelen. >Reinheit<, im paradiesischen Sinne verkörpert Sophie Aujeskys in unschuldiger Liebe aufblühende Agelina, allein auch sie wird per Kollateralschaden vom Zorn Gottes gestreift. Verkörpert Ian Wiczewski den dunklen Schatten des jungen Julien Green, so erscheint auch der (1953 vorausgeahnte) und gleichfalls zerrissene alte Green im Edward Broderick des Roman Schmelzer. Dann geht im Artilleriedonner des ausbrechenden Sezessionskrieges die Welt der Südstaaten unter. Fazit: ein Abend von apokalyptischer Eindringlichkeit.

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Icon der Website des Standard . Klick = derstandard.at Isabella Pichler, Der Standard

Aristokratische Seelenjuckreize
Eine Gesellschaft von Plantagenbesitzern wartet auf den Krieg: Das Stadttheater Klagenfurt feiert Julien Greens selten gespieltes Stück "Süden" als Hochamt vollendeter Manieren. Viele Fragen bleiben aber offen

Drückend, das ist das Schlüsselwort. Und auch der Gesamteindruck. Nicht als Kritik an der Produktion verstanden, sondern als Charakterisierung des Stückes Süden von Julien Green. Im Stadttheater Klagenfurt, keine 50 Meter von Greens Grab entfernt, das der Weltautor sich, 90-jährig, in der Stadtpfarrkirche St. Egid selbst erwählt hatte.

Auf der Bühne: Roben, fast wie auf Tara, man denkt unwillkürlich an Vom Winde verweht. Spielort: Ein Salon. Die Zeit? Wenige Stunden vor Ausbruch des amerikanischen Sezessionskrieges, 1861. Eine Frau und ein Mann in Uniform liefern sich ein Wortduell, immer auf Form bedacht, doch ziemlich feindselig. Einig nur in der Grundeinstellung von Nordstaatlern, die als Fremdkörper im Süden gelandet sind. "Bonaventura" heißt die Plantage, und durch den Salon und die hier vertretenen Hausbewohner weht das Selbstverständnis der Wohlhabenden, ihre Einstellung zu ihren Sklaven, den Kindern, die man streng halten muss. Das lähmende Warten auf den Krieg, der gleichzeitig erwartet und weggeleugnet wird, lastet auf allem - also auch auf den Beziehungen. Dazu kommt tatsächliche Schwüle und das überaus wirksame, luftabschnürende Korsett der Konventionen. Alles ist beherrscht, langsam, entschleunigt, unaufgeregt, genau den Punkt in Gesprächen aussparend, auf den es ankommen könnte. Es passt zwar nicht in diese Atmosphäre, aber heute würde man sagen: Jeder eiert um eine echte Aussage herum.

Unter der Oberfläche aber herrscht die tollste Konfusion: Nordstaatlerin Regina liebt (den zuerst beschimpften) Offizier, die Tochter des Hausherrn, Angelina, entdeckt die Liebe, der Offizier auch - zu einem hereinschneienden Nachbarsplantagenbesitzerssohn. Und Hausherr Edward Broderick (Joseph Lorenz) erklärt seine Liebe zum Offizier, indem er ihn als eigenen Sohn bezeichnet. Die homoerotischen Neigungen werden zu Tragödien, weil keiner sie beim Namen nennt. Das wiederum ist wohl nicht nur der Zeit, sondern Julien Greens Doppellebensthema anzurechnen: Religiosität und Homosexualität.

Die Schlüsselszene zwischen Offizier Wiczewski (Roman Schmelzer) und Plantagenbesitzersohn Eric Mac Clure (Emanuel Fellmer) hat Regisseurin Sibylle Broll-Pape sehr wohl in den von Green erdachten Rang erhoben. Das darauffolgende Duell, in dem sich der Offizier töten lässt, findet draußen statt. Im Salon herrschen: Warten und Schwüle.

Liest man die Intentionen von Julien Green selbst nach, so hat das Team um Broll-Pape ganze Arbeit geleistet, ganz nach Greens Willen. Tatsache bleibt, dass das Stück seit Anbeginn außerhalb der Theaterentwicklung stand - und das heutige Publikum sicher seine Probleme mit so bewusster Entschleunigung bekommt, zumal bei fast drei Stunden Dauer.

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