Ein Gespräch mit Regisseurin Lore Stefanek über ihre Antigone-Inszenierung am Stadttheater Klagenfurt:

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Antigone ist eine der faszinierendsten Frauenfiguren der Weltliteratur. Seit 2500 Jahren steht sie exemplarisch für den Konflikt des Individuums mit dem Staat, für den Kampf zwischen Gewissen und Gehorsam. Die Tragödie wurde und wird bis heute immer wieder neu interpretiert, adaptiert und bewertet. Was reizt dich persönlich am Antigone-Stoff?

Lore Stefanek: Antigone begleitet mich seit meiner Gymnasialzeit in Wien, wo ich zum ersten Mal mit dem Stoff bekannt wurde. In meiner Ausbildung am Max Reinhardt Seminar arbeitete ich die  Rollen von Antigone und Ismene. Als junge Schauspielerin durfte ich in einer aufsehenerregenden Inszenierung des Schauspiels Frankfurt Ismene sein – das war 1979 – und die Inszenierung bezog sich auf den „Deutschen Herbst“* 1977. Ende der 80er Jahre konnte ich selbst am Stadttheater in Freiburg Antigone inszenieren. Mir war damals wichtig, zu hinterfragen, wie politisch die der RAF nachfolgende junge Generation ausgerichtet ist. In meiner Tätigkeit als Schauspielprofessorin in Berlin habe ich mich mit den Studenten und Studentinnen in der Folge mit dem Stoff  auseinandergesetzt. Ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt in Klagenfurt die Möglichkeit habe, mich wieder mit einer neuen Generation dem Antigone-Stoff zu widmen. Und das in einer Stadt, in  einem österreichischen Bundesland, das selbst während des Nazi-Regimes einen Bruderkrieg erleben musste. Die Spaltung, der Riss, der Familien wie politische Gruppierungen betroffen hat, scheint mancherorts bis heute nicht überwunden. Die Beschäftigung mit der Zeitgeschichte und ihrer Auswirkung auf Familien stand diesmal im Zentrum unserer Arbeit.

Am Beginn der Probenzeit hast du mit dem Antigone-Ensemble intensiv mit „Familienaufstellungen“ gearbeitet. Was war der Grund dazu?

Lore Stefanek: Als ich in den 90er Jahren die Therapie der Familienaufstellung kennenlernte, entwickelte sich bei mir der Wunsch, diese Arbeit für die Rollenfindung innerhalb von   Theaterstücken anzuwenden. Ich hatte in dieser Zeit die Möglichkeit, dieses Verfahren der Familienaufstellung mit Studentinnen und Studenten für die Rollenarbeit zu entwickeln. Die  Improvisationen, die sich daraus zwischen den Theaterfiguren, aber eben auch den Menschen, die sie verkörpern sollen, ergeben haben, waren oft so überraschend und unvorhersehbar, dass sich neue Sichtweisen und Erkenntnisse bezüglich der darzustellenden Figuren ergeben haben. Auch in der professionellen Theaterarbeit kann es glücken, diese Improvisationstechnik erfolgreich anzuwenden. In unserer Vorarbeit für Antigone ist das tatsächlich geschehen. Situationen und Beziehungen zwischen den Figuren sind aus diesen Improvisationen direkt in die Inszenierung
eingegangen.

Der Chor, im Sophokleischen Original aus 15 thebanischen Greisen bestehend, wird in deiner Inszenierung durch eine Frau dargestellt. Warum?
Lore Stefanek: Grete Weill hat einen wunderbaren Roman geschrieben, der einen Teil ihrer Autobiographie enthält: Meine Schwester Antigone. Für mich wurde daraus ersichtlich, wie groß ihre Sehnsucht nach Widerstand im dritten Reich gewesen ist, und dass sie letztlich aber nur eine Form der Anpassung leben konnte. Ein Spiegel für sehr viele Menschen, und ein nur zu verständliches Verhalten. Der griechische Chor steht für dieses Charakteristikum von Weisheit, dem Durchschauen der jeweiligen Machtverhältnisse, aber eben auch für Anpassung, für Unterwerfung und  Gehorsam. Diesen Konflikt in einer Figur zu zeigen, schien mir genauer möglich als im Kollektiv eines Chores. Und die ältere Frau, die diesen in unserer Aufführung repräsentiert, macht besonders deutlich, dass sie, obwohl sie im Herzen auf Antigones Seite ist, die junge Frau also versteht und achtet, trotzdem immer Kreon, dem Herrscher, gehorchen wird.

Der Männerchor des Stadttheaters Klagenfurt verkörpert in deiner Inszenierung einen Chor der Toten. Welche Rolle spielen die Toten in deiner Lesart der Tragödie?
Lore Stefanek: Ein Toter, ein unbegrabener Toter, Polyneikes, der Bruder Antigones, löst den Konflikt des Stückes aus, die Tragödie zwischen den Menschen. Die Toten des Zweiten Weltkrieges, der wechselnden Völkermorde, die Verbrechen, über die nicht gesprochen werden durfte oder bis heute geschwiegen wird, auch diese Unbegrabenen können sich im Leben von Menschen störend oder mahnend melden und deren Leben beeinträchtigen. Nicht umsonst wird jetzt – Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – klar, wie stark und wie lange das  Verschwiegene, nicht Verarbeitete in betroffenen Familien wirksam sein kann. Das Stück Antigone beginnt auch nach einem großen Krieg, der viele Tote gekostet hat. Diese Toten werden Antigone später aufnehmen, sie werden zu ihrem Felsengrab.

Zum Einlass und während des Stückes gibt es Partisanenlieder, gesungen von dem Frauengesangstrio „Praprotnice“, zu hören. Was waren deine Überlegungen dazu?
Lore Stefanek: Es war mir wichtig, an den Ort zu erinnern, an welchem an diesem Abend Antigone gespielt wird. Und dass sich ihr Schicksal in diesem Land auf vielfache Weise wiederholt hat. Literatur zu diesem Thema wie Engel des Vergessens von Maja Haderlap oder Peter Handkes Immer noch Sturm haben mich erschüttert und für die Arbeit an dem antiken Stoff auf neue Weise sensibilisiert. Unser Musiker Primus Sitter hat den Kontakt zu den Sängerinnen von „Praprotnice“ hergestellt und deren Mitwirkung ermöglicht.

Das Gespräch führte Sylvia Brandl.

* Als „Deutscher Herbst“ wird die Zeit und ihre politische Atmosphäre in der Bundesrepublik
Deutschland im September und Oktober 1977 bezeichnet, die geprägt war durch Anschläge
der terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF). Die Entführung und Ermordung
Hanns Martin Schleyers, die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs Landshut und die Suizide
der inhaftierten führenden Mitglieder der ersten Generation der RAF stellten den Schlussakt
der so genannten Offensive 77 der RAF dar. Der „Deutsche Herbst” gilt als eine der schwersten
Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.