Shakespeares König Lear, entstanden um 1605, basiert auf dem britannischen Märchenmotiv vom alten König, der die Liebe seiner Töchter auf die Probe stellt. Am Ende rettet die zu Unrecht verstoßene jüngste Lieblingstochter das Leben des greisen Vaters. Zu diesem glücklichen Ausgang kommt es bei Shakespeare nicht. Mehr als in seinen übrigen Stücken griff er in die Vorlage ein und verknüpfte zudem Lears Tragödie mit dem nicht weniger erschütternden Schicksal des Grafen von Gloster und seiner Söhne.

In König Lear entwarf Shakespeare eine heillos chaotische Welt, in der familiäre Beziehungen und Generationenverträge aufgelöst, alle Bindungen zerstört und die Menschen ungeheurem und sinnlosem Leiden ausgeliefert  sind.