Thomas Bernhard legt in Vor dem Ruhestand die tiefliegenden Gründe für das Fortbestehen des Faschismus frei und analysiert die psychologischen Konstellationen innerhalb eines Familiengefüges, die derart menschenverachtende Ideologien ermöglichen. Bernhards dichterische Abrechnung ist angesichts der neonazistischen Bewegung im heutigen Europa von erschreckender Aktualität. Einer der großen Poeten des Theaters, Cesare Lievi, bringt das Stück in hochkarätiger Besetzung auf die Bühne: Rudolf Höller und seine beiden Schwestern werden von Michael Prelle, Irene Kugler und Cornelia Köndgen gespielt.

Rudolf Höller, ehemaliger SS-Offizier und stellvertretender Kommandant eines Konzentrationslagers, lebt nach Kriegsende zehn Jahre lang versteckt im Untergrund. Danach steht seiner zweiten Karriere als  Gerichtspräsident nichts mehr im Weg. Seiner Gesinnung treu geblieben, feiert er alljährlich mit seinen Schwestern Vera und Clara am 7. Oktober den Geburtstag von Heinrich Himmler. An diesem Feiertag wird die SS-Uniform aus dem Schrank geholt und der Sekt geöffnet. Beim Betrachten der alten Fotoalben aus dem Lager erinnert man sich vergangenheitsselig an das private Glück von damals. Vera und Rudolf verbindet  eine inzestuöse Notgemeinschaft, sie begreifen sich verschwörerisch als unzerstörbares Bollwerk des Nationalsozialismus. Clara, seit einem amerikanischen Bombenangriff an den Rollstuhl gefesselt, hinterfragt  zwar das faschistoide Gedankengut der ewig Gestrigen, ist aber den Ritualen und Phantasien ihrer Geschwister wehrlos ausgeliefert …

Dauer ca. 2 Stunden, 45 Minuten (inkl. einer Pause)