Mit Wut reagierte Elfriede Jelinek auf jene Geschehnisse, die unser europäisches Selbstverständnis erschüttert haben: Das Attentat auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und wenig später die blutige Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt. Der Text wird von Marco Štorman inszeniert. Nach Winterreise ist dies seine zweite Auseinandersetzung mit der Literaturnobelpreisträgerin am Stadttheater Klagenfurt.

„Nicht die Liebe macht blind, das macht schon die Wut”, sagte Elfriede Jelinek jüngst in einem Interview. Aber kann Wut oder zielgerichteter Zorn nicht auch ein enormer Antrieb sein? Wie produktiv, wie  zerstörerisch, wie gefährlich sind die Emotionen Wut, Zorn, Hass – und Liebe? „Singe den Zorn” steht am Anfang der europäischen Überlieferung in Homers Odyssee. Er gilt dort als unheilbringend und wird doch hoch geschätzt, weil er Helden hervorbringt. Von der Antike ins Jetzt spannt Jelinek in ihrem neusten Stück einen Bogen, immer ausgehend von den Pariser Selbstmordattentätern. Sie fächert das Thema Wut auf bis zur alltäglichen Eifersucht des verlassenen Partners, zu Hassreden im Internet und vermeintlicher Ohnmacht. Mehrstimmig ist dieser Wut-Chor, vielstimmig die Perspektive, vielschichtig das Stück. Jelinek wagt es, auch im Namen der „Gotteskrieger“ zu sprechen. Sie interessiert sich ebenso für die Selbstermächtigung der fanatischen Täter wie für die Sicht der Zuschauenden… So generiert sie ein verstörendes „Wir“.

Nicht ohne Komik untersucht Elfriede Jelinek Wut als etwas Ur-Menschliches, dem sie nicht zuletzt auch im Eigenen begegnet. Betrachtet man die gegenwärtig frei werdenden Racheenergien, offenen Rassismus in Europa sowie den internationalen Terrorismus, wird deutlich, welch gefährliche, treibende Kraft Wut zum Thema macht.

Dauer ca. 1 Stunde, 50 Minuten (keine Pause)

Fotos (c) Karlheinz Fessl