»Orfeo ed Euridice«: Das Regie-Duo Carolin Pienkos und Cornelius Obonya im Interview über Christoph Willibald Glucks Modernisierung der Oper, das gemeinsame Inszenieren und die Liebe zum Musiktheater.
(Fotos: Stadttheater Klagenfurt)
1762 am Wiener Hofburgtheater uraufgeführt, markiert Orfeo ed Euridice eine Reform der bis dahin traditionellen Opera seria. Wie erzählt Christoph Willibald Gluck den antiken Stoff rund um den Sänger Orpheus, der seine verstorbene Frau Eurydike aus der Unterwelt zurückholt?
Carolin Pienkos: Gluck hat 1762 mit Orfeo ed Euridice einen neuen Weg in der Oper beschritten. Heute nennt man das eine sogenannte Reformoper. Bis dahin wurden auf der Bühne die einzelnen Affekte als solche erzählt: es gab das Gefühl des Trauernden, das Gefühl der Liebe und das Gefühl der Eifersucht. Neu war nun der psychologische Bogen. Man fragt sich, woher kommt dieses Gefühl und wohin kann es führen? In dieser Konsequenz ist es tatsächlich eine neue Erzählweise, auf die man sich emotional auch durch die Musik nochmal ganz anders einlassen kann.
Cornelius Obonya: Es wurden auch davor schon antike Stoffe erzählt, meistens handelten die Geschichten von strahlenden Helden. Die Oper war zu dieser Zeit adeliges Vergnügen. Es gab bis dahin noch keine große Dramaturgie und die Handlung war in kleine und kleinste Stränge aufgesplittert. Gluck hat zum ersten Mal versucht, eine einen großen Bogen zu erzählen und er lässt einen großen Chor in der Tradition des antiken Theaters auftreten.
Sie inszenieren im Duo – wie nähern Sie sich dem Werk an, bevor ein Konzept entsteht?
Carolin Pienkos: Wir hören eine Oper mindestens fünf bis zehn Mal durch und versuchen alles zu begreifen, was der Stoff uns liefert, was intendiert gewesen sein mag. Dann versuchen wir wiederum, in unserer heutigen Zeit eine Antwort zu finden.
Cornelius Obonya: Es macht keinen Sinn, eine Geschichte zu erzählen, die sehr viel mit Gefühl zu tun hat, ohne die psychologischen Gründe dafür zu kennen. Auf der Flucht vor einem Vergewaltiger namens Aristaios ist Eurydike von einer giftigen Schlange gebissen worden und deshalb starb sie. Orpheus kommt zurück und Eurydike wird zu Grabe getragen. Es ist eigentlich eine der schönsten Rettungstaten, dass jemand den Mut hat, in die Unterwelt hinabzusteigen, um seine Geliebte zurückzuholen. Hades, der Gott der Unterwelt, und seine Frau lassen Orpheus gewähren: »Du kannst Eurydike mitnehmen, du darfst dich aber am Weg nach oben nicht umdrehen. Mal sehen, wie lange du das aushältst.« Und er hält es eben nicht aus. Und das ist eine entscheidende Frage zwischen Liebenden: Wie weit gehe ich für meine Liebe?
Carolin Pienkos: Orpheus wird eigentlich vor ein unlösbares Dilemma gestellt. Dadurch, dass er sich nicht umdreht, droht Eurydike vor lauter Eifersucht und vor Gram sowieso zu sterben. Sie schließt aus seinem Verhalten, dass er sie nicht mehr liebt. Wie also soll er sich entscheiden …? Gluck hat aber, dem Geschmack seiner Zeit entsprechend, ein Happy End geschrieben: Trotz nicht bestandener Prüfung werden Orfeo und Euridice durch das Einwirken des Liebesgottes Amore wiedervereint.