»Ich kann Ihnen nur einen Rat geben, Lohmann: suchen Sie sich einen andern Anwalt.«
»Ich denke nicht daran.«
»Suchen Sie sich einen netten, arischen Anwalt, mindestens ebenso blond wie Sie.«
»Ich will aber nicht.«
»Seien Sie nicht kindisch, Lohmann. Der Artikel in der Volkszeitung ist erst der Anfang. Natürlich müssen Sie den Redakteur verklagen. Sie können doch nicht als erklärter Gattenmörder spazieren gehen. Und passen Sie auf, das gibt dann noch einen Rattenschwanz von Prozessen.«
»Die Sie führen werden.«
»Die ein blonder arischer Anwalt führen wird. Fahren Sie nach Wien, dort werden Sie den richtigen schon finden.«
Und der Alte stellt die Steine auf das Schachbrett, als lohne es nicht, über die Sache noch ein Wort zu verlieren. Lohmann rennt im Zimmer auf und ab, ein großes, helles Tier in einem dunklen Käfig. Plötzlich bleibt er vor dem Schachtisch stehen.
»Herr Doktor Meyer-Löw, Sie fürchten sich vor Ihren Eingeborenen.«
»Natürlich fürchte ich mich. Jeder vernünftige Mensch fürchtet sich vor unvernünftigen Wilden.«
»Soll das ein Witz sein?«
»Nein.« Der Alte bläst den Staub von einem Bauern.
»Aber ob ich mich fürchte oder nicht, ist ganz uninteressant. Ich bin Ihr Anwalt, wenigstens bis heute gewesen, und als solcher habe ich an Ihren Vorteil zu denken. Und nun setzen Sie sich, ich will meine Revanche.«
»Unsinn. Ich habe keine Lust zu spielen. Und überhaupt –«
»Brüllen Sie nicht. Immer brüllen Sie an der unrechten Stelle. Was brüllen Sie mit einem alten Juden? Sehen Sie, da bin ich gestern über den Kirchplatz gegangen, Abendsonne, Wolkenglanz, ein wunderschöner Platz übrigens. Und da rollt ein Steinchen, war nur so groß, ein kleines, ganz unschuldiges Steinchen, rollt an mir vorbei, ein lustiges Steinchen –«
»Sie meinen doch nicht –«
»Oh ja, ich meine das. Es werden noch ganz andre Steine rollen, und nicht nur mehr zu meinen Füßen. Lohmann, von den Zeiten, die jetzt kommen werden, haben Sie keine Vorstellung. Sie sind ein einfacher Mensch, Lohmann, deshalb verstehen Sie die Primitiven nicht. Es kommen grausame Jahre.«
»Und deshalb wollen Sie mich nicht vertreten?«
»Ich lege meine Praxis nieder. Ab morgen. Konnte nicht einmal mehr dem alten Krowotten seine fünf Schilling von der Muttergottes verschaffen.«
»Das hab ich Ihnen gleich gesagt.«
»Wissen Sie was? In einem Land, wo jeder ein Kohlhaas ist, der sein Recht verlangt, spielt der Anwalt eine schäbige Rolle.«
»Sie meinen also, man soll auswandern?«
»Lohmann, in jedem Land gibt es Eingeborene, nicht nur hier in dem kleinen Österreich, zu dem wir beide nun einmal gehören. Bilden Sie sich ja nicht ein, daß die Eingeborenen nur hier zuhause sind. Die gibt es überall. Aber es sieht so aus, als käme jetzt bei uns das Zeitalter der Eingeborenen. Hoffen wir, daß es sich nicht über die ganze Welt verbreitet.«
Lohmann schaudert. Seine Hand krampft sich in einen schwarzen Samtvorhang. Das Licht der Stehlampe fällt auf die aufgestellten Schachfiguren.
»Und wie lang soll das dauern?«
»Bis wieder gottlose Zeiten kommen.« Der Alte steht auf, stützt sich auf seinen Stock. »Der Messias muß wieder einmal überwunden sein. Denn der Mensch ist schwach. Und wenn er nicht mehr weiter kann, schafft er sich Gott nach seinem Ebenbild und trinkt sein Blut, ißt seinen Leib, träumt sich selber auf seinen Altären. Um sich dann wieder herabzuzerren, zu opfern und zu rächen und zu beweinen.«
»Hören Sie auf. Ich will das nicht.«
»Lassen Sie es gut sein, Lohmann.« Der Alte setzt sich wieder. »Es ist keiner da, der Sie fragen wird. Und glotzen Sie nicht so. Ich bin nicht wahnsinnig. Wohl aber die andern. Kommen Sie schon. Oder wollen Sie heute überhaupt nicht mehr spielen?«
»Und wer, wenn Sie schon alles so genau wissen, wer wird denn der neue Messias sein?«
»Das weiß ich nicht. Aber der Zufall wird ihn schon herausfinden. Und wenn ich mir die Leute betrachte, nach deren Ebenbild er hier bei uns geschaffen wird –«