Home NewsLaura Lootens: »Musik geht weit über das Sichtbare hinaus«
29. Oktober 2026

Laura Lootens: »Musik geht weit über das Sichtbare hinaus«

Laura Lootens Album Diabolico erschien 2025 und war mehrere Wochen in den Klassik Top-Charts von Apple Music. Im Konzert Fernweh am 19.11.26 interpretiert die Gitarristin mit dem Kärntner Sinfonieorchester unter der Leitung von Chefdirigent Chin-Chao Lin Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez. Wie diabolisch kann Gitarrenmusik sein und was macht den Dialog zwischen Gitarre und Orchester so besonders? Die Künstlerin im Interview:

>>Infos & Karten

Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez ist eines der bekanntesten Instrumentalkonzerte des 20. Jahrhunderts. Darin beschreibt der Komponist die Gärten des Königlichen Palastes von Aranjuez, der Sommerresidenz der spanischen Könige. Das Werk ist auch ein sehr persönliches, so beschreibt der bereits im Kindesalter erblindete Komponist darin die Spaziergänge in diesem Garten mit seiner geliebten Frau Victoria. Was verbindet Sie mit diesem Werk und mit seinem Schauplatz?

Laura Lootens: Das Concierto de Aranjuez begleitet mich schon lange. Mit 15 Jahren durfte ich mit diesem Werk mein Orchesterdebüt als Solistin geben. Was mich daran besonders berührt, ist seine emotionale Vielschichtigkeit. Auf der einen Seite diese spanische Lebensfreude, die Farben und die rhythmische Energie, auf der anderen Seite die unglaubliche Sehnsucht und Verletzlichkeit des zweiten Satzes. Besonders faszinierend finde ich den Gedanken, dass Rodrigo, der selbst nicht sehen konnte, durch seine Musik die Atmosphäre dieses Ortes für uns lebendig werden lässt. Für mich zeigt das, dass Musik weit über das Sichtbare hinausgeht. Sie kann Erinnerungen, Gefühle und Augenblicke bewahren, die sich mit Worten kaum beschreiben lassen.

Dieses Konzert ist ein faszinierendes Wechselspiel zwischen dem Orchester und der Gitarre – wie erleben Sie als Gitarristin diesen Dialog?

Für mich ist das Wechselspiel von Orchester und Gitarre wie ein menschliches Gespräch: Ein wirklich guter Dialog entsteht nicht dadurch, dass einer möglichst laut spricht, sondern dadurch, dass man einander zuhört, Raum gibt und aufeinander reagiert. Es geht darum, gemeinsam eine musikalische Sprache zu finden. Mal führt die Gitarre, mal antwortet das Orchester, mal verschmelzen beide miteinander

Sie begannen mit 14 Jahren Ihr Studium bei Professor Franz Halász, ein Jahr später studierten Sie im Bachelorstudium und waren nach Ihrem Masterabschluss an der Hochschule für Musik und Theater München mit 22 Jahren Lehrende an der Fakultät. 
Wie sind Sie zum Gitarrenspiel gekommen und was hat Sie dazu inspiriert, klassische Gitarre zu spielen?

Das war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick! Ich war acht Jahre alt, als ich meine erste Gitarrenstunde hatte. Obwohl ich danach noch nicht einmal »Bruder Jakob« spielen konnte, kam ich nach Hause und verkündete, dass ich Gitarristin werden möchte. Was mich bis heute an diesem Instrument fasziniert, ist seine unglaubliche Vielfalt. Es kann unglaublich intim und verletzlich, aber auch leidenschaftlich, dramatisch und orchestral klingen.

Ihr zweites Album Diabolico erschien 2025 (Naïve) und wurde von Apple Music als ein Album des Monats gelistet und war mehrere Wochen in den Klassik Top-Charts von Apple Music. 
Wie diabolisch kann Gitarrenmusik Ihrer Meinung nach sein?  

Oh, sehr diabolisch! (lacht) Viele Menschen verbinden die klassische Gitarre zunächst mit etwas Sanftem, Romantischem oder Verträumtem. Dabei kann dieses Instrument unglaublich wild, düster und geradezu unberechenbar sein. Genau diese Gegensätze faszinieren mich. Das Diabolische verstehe ich dabei weniger als etwas Böses, sondern vielmehr als das Ungezähmte, das Verführerische und das Überschreiten von Grenzen. Mit meinem Album Diabolico wollte ich zeigen, welche unglaublichen Extreme in diesem vermeintlich so bescheidenen Instrument stecken. Mein gerade erschienenes neues Album Shape of My Heart widmet sich dagegen der Romantik und der Idee,
dass Romantik weit mehr ist als eine musikalische Epoche. Für mich ist sie eine universelle Sprache der Emotionen, die Zeiten, Kulturen und musikalische Genres miteinander verbindet. Vielleicht zeigen gerade diese beiden Alben, wie unglaublich facettenreich die klassische Gitarre ist und wie viele unterschiedliche Geschichten sie erzählen kann.

Was bedeutet es für Sie zum ersten Mal hier in Klagenfurt mit dem Kärntner Sinfonieorchester und Chefdirigent Chin-Chao Lin zu konzertieren?

Ich freue mich wirklich sehr auf dieses Konzert! Mit Chin-Chao Lin durfte ich bereits Anfang des Jahres mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden musizieren und die Zusammenarbeit war fantastisch! Umso schöner ist es, dass wir nun erneut aufeinandertreffen, diesmal mit dem Kärntner Sinfonieorchester. Das Schöne an unserem Beruf ist ja, dass selbst ein Werk, das man schon viele Male gespielt hat, niemals zweimal gleich klingt. Jede musikalische Begegnung bringt neue Perspektiven, Ideen und eine ganz eigene Energie mit sich. Deshalb freue ich mich sehr darauf, nun auch mit den Musikerinnen und Musikern in Klagenfurt auf der Bühne zu stehen!

(Foto: Frank Lübke)