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28. Januar 2026

Ein Happy End für die Liebe

»Orfeo ed Euridice«: Das Regie-Duo Carolin Pienkos und Cornelius Obonya im Interview über Christoph Willibald Glucks Modernisierung der Oper, das gemeinsame Inszenieren und die Liebe zum Musiktheater.
(Fotos: Stadttheater Klagenfurt)

1762 am Wiener Hofburgtheater uraufgeführt, markiert Orfeo ed Euridice eine Reform der bis dahin traditionellen Opera seria. Wie erzählt Christoph Willibald Gluck den antiken Stoff rund um den Sänger Orpheus, der seine verstorbene Frau Eurydike aus der Unterwelt zurückholt?

Carolin Pienkos: Gluck hat 1762 mit Orfeo ed Euridice einen neuen Weg in der Oper beschritten. Heute nennt man das eine sogenannte Reformoper. Bis dahin wurden auf der Bühne die einzelnen Affekte als solche erzählt: es gab das Gefühl des Trauernden, das Gefühl der Liebe und das Gefühl der Eifersucht. Neu war nun der psychologische Bogen. Man fragt sich, woher kommt dieses Gefühl und wohin kann es führen? In dieser Konsequenz ist es tatsächlich eine neue Erzählweise, auf die man sich emotional auch durch die Musik nochmal ganz anders einlassen kann.
Cornelius Obonya: Es wurden auch davor schon antike Stoffe erzählt, meistens handelten die Geschichten von strahlenden Helden. Die Oper war zu dieser Zeit adeliges Vergnügen. Es gab bis dahin noch keine große Dramaturgie und die Handlung war in kleine und kleinste Stränge aufgesplittert. Gluck hat zum ersten Mal versucht, eine einen großen Bogen zu erzählen und er lässt einen großen Chor in der Tradition des antiken Theaters auftreten.

Sie inszenieren im Duo – wie nähern Sie sich dem Werk an, bevor ein Konzept entsteht?

Carolin Pienkos: Wir hören eine Oper mindestens fünf bis zehn Mal durch und versuchen alles zu begreifen, was der Stoff uns liefert, was intendiert gewesen sein mag. Dann versuchen wir wiederum, in unserer heutigen Zeit eine Antwort zu finden.
Cornelius Obonya: Es macht keinen Sinn, eine Geschichte zu erzählen, die sehr viel mit Gefühl zu tun hat, ohne die psychologischen Gründe dafür zu kennen. Auf der Flucht vor einem Vergewaltiger namens Aristaios ist Eurydike von einer giftigen Schlange gebissen worden und deshalb starb sie. Orpheus kommt zurück und Eurydike wird zu Grabe getragen. Es ist eigentlich eine der schönsten Rettungstaten, dass jemand den Mut hat, in die Unterwelt hinabzusteigen, um seine Geliebte zurückzuholen. Hades, der Gott der Unterwelt, und seine Frau lassen Orpheus gewähren: »Du kannst Eurydike mitnehmen, du darfst dich aber am Weg nach oben nicht umdrehen. Mal sehen, wie lange du das aushältst.« Und er hält es eben nicht aus. Und das ist eine entscheidende Frage zwischen Liebenden: Wie weit gehe ich für meine Liebe?
Carolin Pienkos: Orpheus wird eigentlich vor ein unlösbares Dilemma gestellt. Dadurch, dass er sich nicht umdreht, droht Eurydike vor lauter Eifersucht und vor Gram sowieso zu sterben. Sie schließt aus seinem Verhalten, dass er sie nicht mehr liebt. Wie also soll er sich entscheiden …? Gluck hat aber, dem Geschmack seiner Zeit entsprechend, ein Happy End geschrieben: Trotz nicht bestandener Prüfung werden Orfeo und Euridice durch das Einwirken des Liebesgottes Amore wiedervereint.

Neben diesen drei Figuren sind auch große Chorszenen und das Ballett wichtiger Bestandteil dieser neuen Opernform. Wie haben Sie diese Elemente in Ihre Inszenierung integriert?

Carolin Pienkos: Es ist uns immer wichtig, dass wir den Stoff in unsere heutige Zeit transformieren ohne eine Zwangsaktualisierung vorzunehmen. Es ist eine mythologische Geschichte, eine Fiktion. Wir müssen uns vorstellen, wie die Unterwelt und das Totenreich aussehen. Um dorthin zu gelangen, muss man durch den Höllenkreis gehen und über den Fluss Lethe fahren. Was bedeutet dieser Übergang, diese Transformation vom Leben in das Totenreich?
Cornelius Obonya: Im Film gibt es heute sehr viele technische Mittel, um eine Unterwelt virtuell darzustellen. Für die Darstellung auf der Bühne braucht man Körperlicheres. Was bedeutet es, über Tote hinweg aus einer Unterwelt hinaufsteigen zu wollen? Orfeo, Euridice und Amore sind die drei Figuren, die die Geschichte vorantreiben. Es gibt mit Sicherheit eine vierte Figur und das ist der Chor. Die Musik umklammert das Ganze.
Carolin Pienkos: Das Ballett, ursprünglich als Nummern in der Oper »dazwischen geschrieben«, hat der Mode der Zeit entsprochen. Wir haben das klassische Verständnis vom Ballett aufgelöst und die Tänzer*innen gemeinsam mit dem Choreographen Riccardo De Nigris in die Handlung integriert. Die Tänzer*innen sind eine zusätzliche Ausdrucksform der Solist*innen: Orfeo spricht so z. B. über mehrere Körper. Auch der Chor ist in die Choreographie miteingebunden. Die einzelnen Elemente greifen als Gesamtkunstwerk ineinander.

Sie beide kommen aus dem Schauspiel – seit Ihrer gemeinsamen Inszenierung der Fledermaus an der Mailänder Scala (2018) bringen Sie auch Opernproduktionen auf die Bühne. Worin liegt für Sie der Reiz der Sparte Musiktheater?

Carolin Pienkos: Es ist eine unfassbar schöne Erweiterung! Etwas auch musikalisch erzählen zu können, bedeutet ja eine zusätzliche Qualität. Musik transportiert so viel mehr Gefühl als Sprache es kann. Auch tänzerisch inszenierte Körper können mehr ausdrücken, als es »nur« das Sprechtheater kann. Abgesehen davon es ist für uns tatsächlich ja ein Debüt gewesen, auch gemeinsam in derselben Position zu arbeiten. Das bedeutet für uns eine höhere Arbeits- und Lebensqualität.
Cornelius Obonya: Absolut. Als Schauspieler mit Regisseur*innen zu arbeiten ist jedes Mal ein neues Erlebnis. Selbst auf der anderen Seite zu stehen und eine Inszenierung zu entwickeln, empfinde ich als riesige Bereicherung in meinem Leben. Ich bin dankbar, dass ich das Handwerk von meiner Frau lernen durfte und mit ihr das alles gemeinsam erfahren kann.

Sie feiern mit Orfeo ed Euridice Ihr Regiedebüt am Stadttheater Klagenfurt – wie sind die Proben bisher verlaufen?

Carolin Pienkos: Wir dürfen mit einem fast 40-köpfigen Chor und mit sieben Tänzer*innen arbeiten. Das bedeutet auch viel Organisation. Mit dem kleinen Soli-Ensemble, können wir sehr konzentriert und direkt kommunizieren. Das ist sehr schön. Wir wurden am Haus sehr gut aufgenommen und fühlen uns sehr willkommen. Man kommt ja immer mit einer Art Füllhorn von Ideen. Die Umsetzung hängt aber auch immer von vielen Faktoren ab. Und man verwirft ganz viele Möglichkeiten und man findet ganz neue, die man noch gar nicht gedacht hat. Und dieser Prozess ist gerade sehr spannend.
Cornelius Obonya: Die Proben sind sehr angenehm, weil jeder weiß, was zu verwalten ist. Und die Vorbereitung ist alles. Wir versuchen mit einer klaren Idee zu kommen. Wenn dann auch die Bühnenbildnerin Devin McDonough, die Kostümbildnerin Laura Madgé Hörmann und der Choreograph Riccardo De Nigris mit in unseren »Kopf« einsteigen und auch ihre Ideen dazu haben, können wir sehr gut miteinander arbeiten. Das Publikum muss das Erlebnis haben, nicht wir. Wenn wir ein Haus vorfinden wie hier, wo es eine riesige Flexibilität in den einzelnen Abteilungen gibt und alles ineinandergreift, funktionieren diese Dinge wunderbar.