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5. Februar 2026

Eine fast wütende Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit

Michael Hofstetter, Dirigent, Intendant und Geschäftsführer der Internationalen Gluck Festspiele Nürnberg über Orfeo ed Euridice und Christoph Willibald Glucks Blick in den Urgrund der menschlichen Seele.
(Fotos: Karlheinz Fessl, Michael Hofstetter)

Sie sind kurzfristig für den erkrankten Dirigenten Attilio Cremonesi eingesprungen und übernehmen die weitere Einstudierung sowie gemeinsam mit Kapellmeister Mitsugu Hoshino die Dirigate der Vorstellungen von Orfeo ed Euridice. Wie sind die ersten Proben mit dem Produktionsteam, dem Ensemble und dem Kärntner Sinfonieorchester bisher verlaufen?

Die Proben mit dem Orchester und mit dem Ensemble haben mir total Spaß gemacht. Die Musiker*innen spielen hervorragend auch das Arbeiten der Chor und den Solist*innen hat mir große Freude gemacht. Ich bin sehr froh, hier in Klagenfurt zu sein.

Sie dirigieren an renommierten Opernhäusern wie am Nationaltheater Prag, am Teatro La Fenice di Venezia und bei der Styriarte Graz – um nur einige zu nennen. Mit dem Tölzer Knabenchor erarbeiten Sie zwei besondere Projekte: die Bach-Kantaten in kleinster Besetzung und Rossinis Petite Messe solennelle. Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt im Bereich der Alten Musik. Was fasziniert Sie an dieser/n Epoche/n?

Aus der Beschäftigung mit Händel-Opern habe ich dieses tiefe Verständnis für Gesten und Phrasen gewinnen können und erfahren, wie sehr Musik auch Sprache ist. Im Englischen oder Französischen sagt man une phrase oder a phrase. Damit kann man eine musikalische Phrase über vier oder acht Takte meinen oder aber auch einen gesprochenen Satz. Diese Gesten lesen und verstehen zu lernen, hat mir die Augen geöffnet für den Text der Partitur und auch für die jeweilige Sprache der verschiedenen Epochen und den Dialekt. Zu Franz Schubert gehört z.B. der Wiener Dialekt. Christoph Willibald Gluck hat aber etwas Universelles geschaffen, das den jeweiligen Stilen übergeordnet ist: Er hat eine Sprache für die Seelenbewegung des Menschen gefunden. Der Dichter Schubart schrieb in seinem Nekrolog nach Glucks Tod: »Was Lully für Frankreich, Händel für England, Jomelli für Italien und Bach für Deutschland getan haben, hat Gluck für die ganze Welt getan.«

Die Gluck-Festspiele werben mit dem Hashtag #GluckIstGlück. Der Komponist hat sich schon zu Lebzeiten mit der menschlichen Psyche beschäftigt …

Ich habe in der Schule gelernt: Opernreform bedeutet keine Verzierungen und der Chor kommt dazu. Es geht aber um etwas ganz anderes. Gluck fing im Nachgang von Händel als Komponist von Barockopern, Opere serie an. Die beiden haben sich gekannt und sogar 1746 in London gemeinsam musiziert. Ich glaube, es war etwas Wesentliches in Gluck, das er auf die Bühne und in die Operngeschichte bringen musste. Es ist ein kompletter Wechsel der Blickrichtung: In der Opera seria gibt es immer die Darstellung des Einzelaffekts und dieser ist vielleicht auch austauschbar. Zuerst gibt es das Rezitativ, dann kommt eine Trauerarie oder ein Liebesduett. Statt den Einzeleffekt darzustellen, wendet Gluck den Blick plötzlich komplett nach innen, in die Tiefe, in den Urgrund der menschlichen Seele. Er blickt eigentlich dorthin, wo 150 Jahre später Carl Gustav Jung die Psychoanalyse aufbaut. Gluck ging es darum, in der Emotion und auch bereits in der Darstellung des Einzelaffekts die Wahrhaftigkeit und den authentischen Ausdruck zu finden. Es ist eine fast wütende Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Ab Orfeo ed Euridice schrieb er nur noch komplett durchkomponierte Psychogramme.

Was können wir aus dieser Opernreform ins Heute mitnehmen?

Es war das Glück meines beruflichen Lebens, dass ich dabei sein konnte, als in den 1990er Jahren und um 2000 die Barockoper in der Musikwelt wiederentdeckt wurde. Wir waren damals eine Gesellschaft, die eigentlich sorglos war. Allerdings gab es bereits in den 1970ern in Stockholm die erste Weltklimakonferenz. Mit Blick auf die offene Gesellschaft im Sinne von Karl Popper stellte man sich zu dieser Zeit auch die Frage: Wie kann es sein, dass Menschen sich gegenseitig ausschließen wollen? In der Opera seria feiert sich die Hofgesellschaft selbst. Diesen »Intrigantenstadel«, den man auf der Bühne sieht, erlebte die damalige Hofgesellschaft tagtäglich. Mit seinem Blick nach innen ruft Gluck plötzlich die Fragen auf, die heute für uns entscheidend sind: Denn am Schluss ist nicht die Bombe selbst die Gefahr, sondern der Mensch und die Psyche des Menschen, der die Macht hat, auf den roten Knopf zu drücken. Und je mehr Psychopathen da draußen unterwegs sind, desto gefährlicher wird es für uns alle. Mit dem Blick in die eigene Innenwelt, in den Urgrund der Seele stellt Gluck genau die Fragen, die wir uns heute alle stellen müssen.

Welche »Seelen-Blicke« erfährt das Publikum in der Oper Orfeo ed Euridice?

Man könnte die ganze Oper durchanalysieren, besonders klar wird es aber z. B. schon in der ersten Szene. Orpheus sagt zu den Trauernden am Anfang sinngemäß: »Ich bin so traurig über den Tod meiner Geliebten Eurydike, bitte lasst mich mit meinem Schmerz jetzt allein.« Dann beginnt diese Reise nach Innen. Als erstes trifft er in der Unterwelt auf die Furien, die wütend auf ihn einschreien. Orpheus reagiert nicht wütend, sondern er stellt sich dem, was die Psychoanalyse als »Schatten« bezeichnen würde. Du musst den Schatten anschauen und ihn umarmen. Er antwortet den Furien, begleitet vom zärtlichsten Orchesterinstrument, der Harfe: »Dieser Schmerz, der euch zu dem gemacht hat, was ihr seid, dieser gleiche Schmerz ist in meinem Herzen und ich will anders damit umgehen. Bitte lasst mich durch. Ich will die Verbindung mit meiner verstorbenen Geliebten nicht verlieren.« Und dann sagen die Furien zueinander: »So etwas Schönes haben wir noch nie gehört.« Mit diesem Blick der Zärtlichkeit, mit der Weisheit des Herzens, bringt er plötzlich die Furien zum Schmelzen.

An der Universität Mainz unterrichten Sie Orchesterleitung und Alte Musik und sind auch Gastdirigent des weltberühmten Tölzer Knabenchores – was möchten Sie jungen Musiker*innen bzw. Dirigent*innen weitergeben?

Ich war einige Jahre Professor an der Universität Mainz und habe dort danach auch noch Kurse gegeben. Irgendwann musste ich mich entscheiden: Unterrichten oder »freie Wildbahn«. Ich habe mich für die »Wildbahn« entschieden. (lacht) Beim Tölzer Knabenchor ist es zweierlei: Wenn man mit Jugendlichen oder Kindern arbeitet, gibt es immer einen musikalischen und auch einen menschlichen Aspekt. Die Kinder wollen gefordert werden und gewinnen, das ist wie in einem Fußballklub oder beim Skifahren. Was ich den Kindern aber mitgeben möchte, ist folgendes: Ich lasse sie manchmal ein paar Sekunden still sein und in den Klang in sich selbst hineinhören. Erst dann fangen wir an zu musizieren. Auch die Musik kommt aus der Stille. Die Kinder lernen so, sich selbst zu vertrauen: »Ich höre das in mir und ich spüre das in mir. Dann singe ich und die Töne stimmen. Ich kann mir selbst vertrauen.«

Sie sind in München geboren, haben dort Orgel, Klavier und Dirigieren studiert. War Musik in Ihrer Familie schon immer präsent?

Meine Kindergärtnerin konnte wunderbar Klavier spielen und wir Kinder haben dazu gesungen. Als ich meinen Eltern mitteilte, dass ich das auch lernen möchte, brachten sie mich zum Klavierlehrer der Schule. Nach einer halben Stunde Probespiel sagte er zu meinen Eltern: »Den können sie hier lassen, der ist hochbegabt.« So habe ich noch vor der Schule mit dem Klavierspielen begonnen. Als wir dann nach Zankenhausen am Ammersee gezogen sind, war ich als 14jähriger Organist in der Kirche, später habe ich dort auch den Chor geleitet… Das war eine wunderbare Zeit, ein »Learning by Doing«. Meine Mutter nahm mich als Kind auch mal in die Oper in München in eine Vorstellung der Zauberflöte mit. Der Vorhang ging auf, ich fand das alles wunderbar, habe mich aber damals schon vor allem für den Dirigenten interessiert. Ich wusste, das ist meines und das werde ich irgendwann machen. 25 Jahre später gab es noch immer dieselbe Inszenierung von August Everding in Bearbeitung von seinem Assistenten Helmut Lehberger und die durfte ich als junger Dirigent selbst dirigieren. Das war ein schönes Erlebnis.