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15. Juni 2026

Liebes Publikum!

Mensch, wo bist Du? Dies fragt man sich oft in unseren heutigen Zeiten. Wo bleibt der Mensch, das Menschsein in den Tagen der Extreme, des Streitens, der Krisen und der Kriege? Wo bleibt die Kultur? Verena Schellander hat mit ihren wunderbaren Zeichnungen in diesem
Heft Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Kontinenten gezeichnet. Diversität in dieser Welt ist unsere Chance – nicht das Gift des Nationalismus. Wir können von anderen Menschen und Kulturen lernen. Aber auch Kunstwerke sind universell. So haben Bachs  Passionen ihre Wahrheit nicht nur für Christ*innen, auch wenn der Inhalt uns dies denken lässt – sondern für alle Menschen, welcher Religion auch immer.
Wir stehen an einem Wendepunkt. Und nur GEMEINSAM können wir auf diesem Planeten die Zukunft gestalten – nicht gegeneinander. Mit dem Recht des Stärkeren, das von einigen mit immer größerer Lautstärke propagiert wird, kommen wir nicht weiter.
Jeder Mensch, jede Kultur ist wertvoll. Und wir sollten mit Respekt miteinander umgehen, aufeinander hören und nicht unsere Wahrheit für absolut erklären. So stehen auch die Werke, die wir Ihnen in dieser Spielzeit präsentieren, für Vielfalt und erzählen Geschichten aus unterschiedlichen Welten.
Theater ist nicht dazu da, um sich zurückzulehnen und zu sagen: Alles ist in Ordnung, alles ist wunderbar – macht Euch keine Gedanken. Kunst darf nicht bequem sein. Kunst muss hinterfragen. Warum führen wir Schiller nicht so auf, »wie Schiller es gemeint hat« oder »wie es sich gehört«? Wahrscheinlich meinen viele nur, dass es immer so gemeint werden muss, wie man es »damals« zum ersten Mal gesehen hat. Selbst wenn es Zeugnisse der Uraufführung gibt, in Wort, Ton oder Bild, sind sie subjektiv, interpretativ und spiegeln nicht  unbedingt die Intention von Komponist*in oder Autor*in. Immer wieder werden Regisseur*innen der fehlenden Werktreue angeklagt. »Spielt, wie es im Original war. Seid dem Werk treu!«. Was für eine Treue aber wird hier eingefordert?
Das Stadttheater Klagenfurt gibt ein schönes Beispiel ab, wie sehr die Treue zum Originalen und zum Ursprung auch Irritation auslösen kann: Als das Theater in den 1990er Jahren saniert wurde, waren viele Zuschauer*innen entsetzt, als sie den renovierten Zuschauersaal
betraten und die grüne Bestuhlung und gelben Tapeten sahen. Sie waren jahrzehntelang rote bezogene Stühle und Wände gewohnt. Dabei hatte man sich bei der Generalsanierung nur am Originalzustand von 1911 orientiert und die Jugendstilästhetik Helmers & Fellners wiederhergestellt …

Auch die Antike war, anders als die Gelehrten der Renaissance und der Aufklärung dachten, nicht weiß. Statuen, Tempel und öffentliche Gebäude waren bunt angemalt. Sogar sehr bunt. Eine Zumutung für alle, die mit Winckelmann im schlichten Weiß des Marmors die Idee der »edlen Einfalt und stillen Größe« verwirklicht sahen. Nach den Erkenntnissen moderner Archäologie war ein Umdenken vonnöten. Auch Gemälde verändern sich über die Zeit. Oft verschleiert eine langsam entstandene Patina das Original. Werden die Bilder restauriert und die Originalfarben wieder sichtbar gemacht, sind viele Betrachter*innen geschockt. Als in den 1980er und 90er Jahren das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle von jahrhundertealten Schichten aus Ruß und Staub befreit wurde, zeigte sich, dass Michelangelo nicht der »Maler des Zwielichts« war, für den er lange gehalten wurde, sondern in grellen Farben und Kontrasten malte.

Auch am Theater geht es darum, sorgsam gepflegte Sehgewohnheiten immer wieder zu hinterfragen. Auch wenn es oft unbequem ist, umzudenken. Oftmals kommen Zuschauer*innen mit einer Erwartungshaltung ins Theater und wünschen keine »radikale« Neuinterpretation. Sie wollen die liebgewonnene Patina der Aufführungstradition sehen. Unsere Aufgabe aber ist es, diese Patina zu entfernen und ein Theater von heute für Menschen für heute zu spielen. Auch, wenn das manchmal wehtut.
Eine Musik- oder Theateraufführung braucht vor allem Seele. Und die ist nur mit Menschen von heute zu verwirklichen. Mit ihrem Wissen von heute. Mit ihren Sichtweisen von heute. Mit ihrem Hören von heute. Wir können Mozart nicht hören, wie die Menschen Mozart
zu seiner Zeit gehört haben. Weil wir heute Wagner, Schönberg und Prince kennen. Wir können die Zeit und unsere Seh- und Hörgewohnheiten nicht zurückspulen. Also kann es auch keine Werktreue des Publikums geben. Das Publikum hat nicht mehr die Augen und Ohren von damals. Das Theater, die Inszenierungen und vor allem die moderne Musik und Dramatik existieren nur noch für einen kleinen Kreis der Gesellschaft. Das ist das Symptom eines Zusammenbruchs.
Denn wenn sich das Theater von seinem Publikum löst, ist das nicht die Schuld des Theaters, der Musik, des Textes oder der Inszenierungen. Es ist auch nicht Schuld des Publikums. Es liegt nicht an der Kunst im Allgemeinen, sondern an der geistigen Situation der
Zeit. Dort müsste sich etwas ändern, denn die Kunst ist ja notwendigerweise ein Spiegel der Gegenwart, und man müsste, wenn man die Kunst ändern wollte, eben zuerst die Gegenwart ändern. Es ist keine Krise der Kunst – sondern die Kunst und somit auch die
Inszenierungen, der Text und die Musik spiegeln eine Krise der Zeit.

Komponist*innen und Autor*innen schreiben, ob sie wollen oder nicht, so, wie es die geistige Situation der Zeit ihnen abverlangt – und so ist es auch mit den Inszenierungen der Regisseur*innen. Ihre Arbeit macht die Wunden ihrer Zeit sichtbar, hörbar, fühlbar. Inszenierungen oder Musik so zu verändern, dass sie nicht mehr schmerzen, gliche also dem Handeln eines Arztes, der die Symptome statt der Krankheit behandelt.

Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken und träumen … von einer gemeinsamen Welt.

Aron Stiehl
Intendant

Mag. Matthias Walter
Geschäftsf. Kaufm. Direktor

Chin-Chao Lin
Chefdirigent