Dirigentin Zoi Tsokanou feiert am 19. Februar 2026 im KSO-Konzert Weltensprünge ihr Klagenfurt-Debüt. Welche Bedeutung Frauen in der Musikwelt haben und was sie persönlich zum Konzertprogramm mit Klängen aus der Ägäis, baskischer Folklore und bittersüßen Jazzkompositionen von Florence Price inspiriert hat, erzählt die gebürtige Griechin im Interview. (Fotos: Amanda Protidou)
Sie sind in Thessaloniki geboren, haben in Zürich Klavier und Dirigieren studiert – und haben als erste Frau in der Geschichte ein großes Griechisches Orchester dirigiert. Was bedeutet diese Tatsache für Sie und für die Musikwelt, in der Dirigentinnen noch immer eine Minderheit darstellen?
Für mich persönlich ist diese Tatsache vor allem mit großer Dankbarkeit und Verantwortung verbunden. Ich sehe sie weniger als individuelles »Erreichen« denn als Teil eines längeren Prozesses, in dem sich die Musikwelt langsam öffnet. Wenn meine Arbeit dazu beitragen kann, gewohnte Bilder aufzubrechen und jungen Musikerinnen Mut zu machen, dann erfüllt mich das mit besonderer Freude. Gleichzeitig wünsche ich mir eine Zukunft, in der solche »ersten Male« nicht mehr betont werden müssen, sondern allein die künstlerische Haltung, die musikalische Vision und die gemeinsame Arbeit mit dem Orchester im Mittelpunkt stehen.
Von 2017 bis 2023 standen Sie dem Theassaloniki State Symphony Orchestra als Künstlerische Leiterin vor. Neben Repertoireerweiterung und internationaler Positionierung war für Sie auch das soziale Engagement des Orchesters ein großes Anliegen. Welche Aktionen und Schwerpunkte wurden in diesem Bereich gesetzt?
Das Vermittlungsprogramm des Orchesters wurde in dieser Zeit gezielt und nachhaltig ausgebaut. Das Angebot haben wir mehr als verdoppelt und mit spezifischen Programmen für alle Altersgruppen erweitert – von Kindern und Jugendlichen bis hin zur dritten Lebensphase, durch interdisziplinäre, partizipative Programme und Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen. Durch Live-Streaming-Projekte und Kooperationen mit Schulen auf griechischen Inseln sowie in abgelegenen Regionen konnten wir eine landesweite, aber auch internationale Zugänglichkeit schaffen. Gleichzeitig entwickelten wir spezielle Programme für sozial benachteiligte gesellschaftliche Gruppen, besuchten entsprechende Einrichtungen und stellten regelmäßig kostenfreie Konzertplätze zur Verfügung. So verstand sich das Orchester zunehmend als offenes, inklusives kulturelles Angebot das die Sinfonische Musik an die gesamte Gesellschaft zugänglich macht.
Sie dirigierten u. a. das Orchester des Royal Opera House in London, die Düsseldorfer Sinfoniker, das Orquestra Simfonica de Barcelona, das Orchestre Nationale de Lille, das Orchestre de la Suisse Romande – in Klagenfurt debütieren Sie am Pult des Kärntner Sinfonieorchesters. Wie haben Sie das Orchester kennengelernt?
Ich habe mich über die Einladung des Chefdirigenten Chin-Chao Lin sehr gefreut, wir kennen uns aus dem Studium und haben viele schöne gemeinsame musikalische Erinnerungen. Er hat natürlich viel über das Kärntner Sinfonieorchester erzählt und durch Kolleginnen und Kollegen habe ich viele positive Eindrücke gewonnen. Umso mehr freue ich mich auf die erste gemeinsame Probenarbeit und den unmittelbaren musikalischen Austausch.
Sie laden das Klagenfurter Publikum gemeinsam mit dem Pianisten Andrey Gugnin und dem KSO zu musikalischen »Weltensprüngen« mit einer Komposition aus der Ägäis, Baskisch-Folkloristischem und bittersüßen Jazzklängen. Welche Werke haben Sie gewählt und was hat sie zu dieser Auswahl inspiriert?
Zunächst wollten wir mit Chin-Chao ein Werk einer Komponistin auswählen, um damit ein deutliches Zeichen zu setzen. Nach sorgfältiger Überlegung entschieden wir uns für Florence Price, die erste afroamerikanische Komponistin, deren Werke von großen Sinfonieorchestern aufgeführt werden – ein enorm wichtiger Schritt für die Anerkennung von Frauen in der Musik. Als griechische Dirigentin wollte ich natürlich auch ein Stück meiner Heimat einbringen, deshalb wählte ich die Suite von Konstantinidis, die griechische Inselmusik mit impressionistischen Klängen verbindet. Diese Verbindung führt uns direkt zu Ravel, dessen Impressionismus und Jazz-Einflüsse wiederum die Brücke schlagen zur amerikanischen Musik und letztlich zu Florence Price. So entsteht ein wunderschöner Bogen: drei Werke, die miteinander verwoben sind, unterschiedliche Kulturen und Stile verbinden und das Publikum auf musikalische Weltensprünge mitreißen.
Der Regenbogenwalzer von Florence Price wurde beim weltberühmten Wiener Neujahrskonzert gespielt, auch Sie haben ein Werk der amerikanischen Komponistin als Programmpunkt gewählt. Was fasziniert Sie persönlich an Price und ihrer Musik?
Mich fasziniert an Florence Price vor allem ihre Fähigkeit und gleichzeitig ihren Mut, afroamerikanische Musiktraditionen wie Spirituals, Volksmusik und Jazz Rhythmen in die klassische Sinfonik zu integrieren. Ihre Werke sind voller Ausdruckskraft, Wärme und Lebensfreude, und gleichzeitig tragen sie eine historische und gesellschaftliche Bedeutung, besonders als afroamerikanische Frau in der Musikgeschichte der 1930er Jahre. Für mich persönlich ist es inspirierend, wie sie Identität, Kultur und Kunst zu einer einzigartigen, kraftvollen Sprache verschmelzen lässt.
Wohin führt Sie ihr nächstes Engagement?
Mein nächstes Engagement führt mich ins ferne Mexiko, wo ich die Sinfonie in fis-Moll von Dora Pejačević dirigiere – ein weiteres bedeutendes Werk einer Komponistin des 20. Jahrhunderts, der kroatischen Dora Pejačević. Ursprünglich hatten wir überlegt, dieses Werk für das Programm in Klagenfurt zu wählen. Umso schöner ist es für mich, dass ich nun in zwei so nah beieinanderliegenden Projekten zwei beeindruckende Sinfonien von Komponistinnen dirigieren kann!